Wie gegenüber id Software erwähnt, interessierten Nintendo derartige Nischenprodukte Ende der 80er keineswegs. Das lernte Rainbow Arts bereits früh. Abseits des erwähnten Sky Fighter, machte die Firma häufig nicht mal einen Hehl aus derartigen Plagiaten. Sega’s Labyrinth-Spiel Pengo, veröffentlichten sie beispielsweise als Mr. Pingo und Atari’s Gauntlet als Garrison. Dieses Aufmerksamkeitsdefizit der Original-Publisher ging höchstwahrscheinlich auf das fehlende Internet zurück. Was sollte die Aufmerksamkeit des japanischen Konzerns auch auf ein deutsches C64 Spiel lenken? Wie sich 1988 herausstellte, die internationale Vermarktung! Denn Rainbow Arts The Great Giana Sisters vertrieb damals der britischen Publisher U.S. Gold. Heute Teil der Eidos Gruppe, aber damals einer der größten britischen Publisher überhaupt. Dieser entwarf ein völlig neues Cover mit der Aufschrift „The Brothers Are History!“ und bewarb den Platformer in Zeitschriften mit „Move over BROTHERS!!! Make way for the Great Giana Sisters“. Aber damit nicht genug. U.S. Gold stellte das Jump ’n‘ Run mit dieser Werbekampagne ebenso auf der Personal Computer Show in London aus. Eine Messe, die selbstverständlich auch Nintendo Repräsentanten einschloss. Durch diese Verkettung von Ereignissen, erhielt Softgold einige Wochen nach der Messe eine Abmahnung seitens Nintendo of Americas. Deren Geschäftsführer, Jürgen Goldner, hörte zwar von Ähnlichkeiten beider Spiele, war sich des identischen Klons jedoch gar nicht bewusst. Details die Nintendo in ihrem Schreiben haarklein anhand der ersten Level offenlegte. Jürgen brauchte Wochen, bis er Nintendos Anwalt und Vizepräsidenten Howard Lincoln, überhaupt ans Telefon bekam und die Wogen glättete. Eine Unterhaltung, bei der sich beide außergerichtlich einigten, Softgold jedoch eine beträchtlichen Batzen der Einnahmen an Nintendo abtrat und The Great Giana Sisters natürlich aus den Verkaufsregalen entfernte. Der deutsche Vertrieb für amerikanische Partner wie Epyx, Sir-Tech oder Lucasfilm Games machte sich Nintendo mit diesem Spiel dauerhaft zum Feind. Ein Umstand, der weitreichender war als das eine Jump ’n‘ Run. Denn als Rainbow Arts fünf Jahre später versuchte, auf den Spielkonsolenmarkt vorzudringen, untersagten die Japaner den Deutschen jedes einzelne Modul. Kein Rainbow Arts Spiel schaffte es je aufs Super NES. Was im Falle von Factor 5’s späteren Turrican Games zu einem ernsthaften Problem anwuchs. Aber das ist eine andere Geschichte.
Für den Augenblick saß Marc aber vor allem auf einem halb fertigen Arthur and Martha in Future World. Was er nun beim besten Willen nicht mehr veröffentlichen durfte. Um im Zweifelsfall absolut alles abstreiten zu können, bauten Armin und Andreas den Nachfolger zu einem futuristischem Jump ’n‘ Run mit Roboterprotagonisten und dem Titel Hard ’n‘ Heavy um. Am Ende behielten sie lediglich die Steuerung des Spiels bei. Ähnlichkeiten beim Level-Design ließen sich zwar vereinzelt ausmachen. Jedoch dominierte das Spiel durch deutlich härtere Feindmassen und Abläufe, welche den Spieler ständig zum Anhalten und Aufspüren der richtigen Lücke zwangen. Gänzlich entgegen dem typischen Super Mario Spielfluss. Um letzte Herkunftsspekulation zu vertuschen, erschien Hard ’n‘ Heavy nicht über Rainbow Arts selbst, sondern deren Partnerfirma reLINE Software und keiner der echten Entwicklernamen tauchte in den Credits des Spiels. Aus Armin wurde „Softonics“, Chris verwandelte sich in die „Soundfactory“ und Andreas wurde schlicht der „Man Without Name“. Hard ’n‘ Heavy heimste erneut gute Kritiken ein, verkaufte sich aber bei Weitem nicht so gut wie das Original. Womit die Mario Klone Rainbow Arts letztlich ihr Ende fanden.
Den meisten Leuten dürfte klar sein, dass Rainbow Arts heute nicht mehr existiert. Ihre Muttergesellschaften Softgold und Rushware landeten bereits wenige Jahre darauf bei der britischen Mirror-Gruppe (Mirrorsoft) und über Umwegen zum Millenniumswechsel bei THQ. Wodurch sie von der Bildschirmfläche verschwanden. Geschäftsführer Marc Alexander Ullrich stieß kurz nach dem Verkauf auf eine weitere Goldgrube. Er gründete 1997 den Domain-Reseller Strato.
Der Entwickler der Giana Sisters Amiga Portierung, Thomas Hertzler, kündigte kurz nach dem Spielrelease und formierte sich mit Kollege Lothar Schmitt als Blue Byte neu. C64 Programmierer Armin Gessert folgte dem Duo nach Vollendung Hard ’n‘ Heavy’s. Er unterstützte Lothar bei Portierungen seines Great Courts Kassenschlagers und programmierte ebenso Die total verrückte Rallye.
Rainbow Arts Entwicklungsleiter Teut Weideman gründete, wenige Jahre vor dem Rainbow Arts Exitus mit Wings Simulations ebenfalls ein eigenes Entwicklerstudio. Zu deren 1999er Panzer Elite malte Andreas Escher wiederum die Grafiken.
Finanziell betrachtet legte Manfred Trenz vermutlich die am wenigsten spektakulärste Karriere dieser Gruppe hin. Dafür schenkte er der Spielergemeinde jedoch C64 Hits wie die Turrican und Katakis Reihe. Nach einem kurzen PC Abstecher, stieg er auf Handhelds wie den Game Boy Advance oder Nintendo DS um. Zu seinen finalen Spielen zählte Ankh: Der Fluch des Skarabäenkönigs.
Ironischerweise erschien gerade auf Nintendos DS Handheld 2009 Giana Sisters DS. Der offizielle Nachfolger von Armin Gessert persönlich. Denn zwei Jahrzehnte später interessierte sich keiner bei Nintendo mehr für den einstiegen Klon. Bedauerlicherweise wurde Giana Sisters DS gleichzeitig das finale Spiel des Programmierers. Der Spellbound Entertainment Gründer verstarb ein halbes Jahr nach dem Spielerscheinen an einem Herzinfarkt.
Einzelnachweise:
- Andreas Escher Video interview for Scene World Magazine
- Thomas Hertzler (Rainbow Arts) Interview – Arcade Attack
- Aktueller Software Markt – Ausgabe Juni 1991
- Zzap 64 – Ausgabe 69 – Januar 1991
- In the Chair with Chris Hülsbeck – Retro Gamer 115
- Rushware – Die Firmen Archive – Retro Gamer Germany Special 1
- The Story of „The great Giana Sisters“ – Teut’s World
- Katakis, Turrican & Co – Teut’s World
- Chris Hülsbeck über Turrican, Great Giana Sisters und Homebrew auf dem Commodore Amiga – digitalista
- Blickpunkt: Die Grossartigen Giana Sisters
- Talking with Manfred Trenz – Retro Gaming
- Thomas Hertzler – Rainbow Arts – Full Interview – Amigagamers T.V.