Drei Schüler, ein Schneider CPC und eine gehörige Portion Größenwahn kreierten Rainbow Arts. Aus geklonten Spielhallenhits, hitzigen Diskussionen und wirtschaftlichen Rückschlägen wuchs ein Entwicklerteam voller skurriler Ideen. Sie kreuzten amerikanische Sportarten mit Dungeons & Dragons und schafften es so von Gütersloh zur Skywalker Ranch. Die Rede ist nicht etwa von Factor 5, sondern den Golden Goblins. Gewissermaßen Rainbow Arts ersten Spielprogrammierern.
Für die meisten Deutschen begann Rainbow Arts Spielpalette mit Giana Sisters, Katakis oder Turrican. Aber Jahre vor diesen Commodore Amiga und C64 Titeln, produzierte die Gütersloher Firma bereits zahlreiche Schneider CPC Titel. Denn für deren ersten Spieleprogrammierer, Rolf Lakämper, war der CPC gegenüber seinem ZX-81 ein gewaltiger technischer Sprung. Er und seine beiden Schulkollegen Thomas Meiertoberens sowie Marc Ullrich folgten in den Anfängen Rainbow Arts’ der Theorie, die überlegene Hardware des CPC würde gleichzeitig mehr Hardware-Verkäufe und somit auch größeren Absatz ihrer Spiele bedeuten. Leider bewahrheitete sich diese Theorie in Deutschland nicht. Aber Rolfs initiale kommerzielle Werke spiegelten in doppelter Hinsicht einen Versuchsballon wieder. Denn Thomas schrieb bereits im Sommer 1983 mit 17 Jahren seine erste Artikelverwaltung für eine Gütersloher Boutique. Dieses Multidatei genannte Produkt, weitete er die folgenden Monate zu Multiadressen, Multilager und Multisprite aus. Software, die er gewinnbringend über Rushware in Düsseldorf vertrieb und somit leichte Fehlschläge wie Rolfs Spiele problemlos wegsteckte.
Den zweiten Aspekt dieses Versuchsballons bildete der Gütersloher Bertelsmann Konzern. Als dieser von der namentlich an Electronic Arts angelehnten Software-Schmiede nebenan hörte, erweiterten er sein Ariola Musiklabel um Ariolasoft. Schließlich machte es kaum einen Unterschied, ob die Fertigungsanlagen Musik oder Daten auf die damals gängigen Kassetten spielten. Auf diese Weise erschienen Rolfs Nibbler, Pingo und Money Molch 1985 in einer 500er Auflage über Ariolasoft. Thomas überredete damals mehr als einen Schulkollegen Software zu seiner „Firma“ beizusteuern. Wodurch Arno Schröders Adventure Der Blaue Kristall zum ersten profitablen Spiel der Rainbow Arts / Ariolasoft Kombination anwuchs. Jedoch maßgeblich, weil Ariolasoft es ebenfalls in Frankreich vertrieb, wo der CPC deutlich stärker dominierte.
Sah man von diesem One-Hit-Wonder ab, bildete das Rainbow Arts Trio eine äußerst kuriose Truppe. Denn Thomas überredete in den Anfängen den zwei Jahre jüngeren Marc eine Textverarbeitung und Tabellenkalkulation zu seiner Softwarepalette beizusteuern. Wodurch Marc und er beim 1985er Wechsel zu Computerspielen, eher Managern glichen, die über einen Spielprogrammierer verfügten. Streit war in dieser Konstellation abzusehen und ließ tatsächlich nicht lange auf sich warten. Thomas strebte an bekannte Lizenzen wie Pink Panther, Tom & Jerry oder Werner für Computerspiele zu adaptieren, während Marc eher eine gute Infrastruktur, wie professionelle Cover der Verpackungen, Qualitätssicherung durch Spieletester und dergleichen, im Sinne hatte. So brach der eigentlich amüsante Installateurlehrling Werner mit seinem Bölkstoff die Gruppe in Zwei.
Rolfs erste drei Spiele, entsprachen streng genommen eher Listings, welche Programmier-Neulinge damals aus der Happy Computer abschrieben. Sein Folgespiel, Mission Elevator, folgte einem weitaus größeren Kaliber. Das obwohl es als einfache Simulation einer Fahrstuhlsteuerung in einem Hochhaus startete. Während Rolf dem Werk Scrolling verlieh, sah seine Freundin Bettina seine bemitleidenswerten grafischen Versuche. Als angehende Grafikdesignerin malte sie Rolf auf kartiertem Papier einige beeindruckende Einrichtungsgegenstände vor, die von einer Bar bis hin zur Mona Lisa reichten. Beim Nachbau dieser 16-Farben Pixelart realisierte Rolf langsam, dass er bereits den Grundpfeiler eines visuell ansprechenden Spiels in den Händen hielt. Was ihm fehlten waren Plot und ein Gameplay-Loop. Sein initialer Versuch, Hintergrundelemente wie Stühle, Feuerwehrschlauch usw. zum Leben zu erwecken, endete in einer Sackgasse. Aber dann ging er dem 60er Jahre James Bond Bösewicht-Flair von Bettinas Grafiken nach. Da ihm ebenso Taito’s Elevator Action ein Begriff aus der Spielhalle war, mutierten seine Fahrstuhlfahrten in diese Richtung. Es entstand ein Spionage-Actionspiel, bei dem der Spieler als FBI Agent Hinweisen eines gekidnappten IT Spezialisten nachjagte, um eine versteckte Bombe im Hotel zu entschärfen.
Wie seine vorherigen Spiele, programmierte Rolf Mission Elevator erneut in Assembler auf dem CPC. Er liebte es stets mit den CRTC Registern herumzuspielen. Einfache Basic-Befehle, wie Call 17, Call 20, die Assembler-Code aufriefen und für eindrucksvolle Effekte wie einen verwaschenen Unterwassereffekt sorgten. Dank diesen Registern implementierte Rolf optische Spielereien, wie das Beben des gesamten Bildschirms beim Auslösen einer Bombe.
Weil Mission Elevator bedeutend mehr Freizeit fraß und er sich einen höheren Gewinn versprach, ging Rolf, mit Thomas als Finanzberater, zu einer neuen Verhandlungsrunde mit Ariolasoft. Deren Manager, Willi Carminke, bot ihm durch einen Flüchtigkeitsfehler deutlich mehr Geld, als Rolf eigentlich vorschwebte. Dennoch lehnte Thomas dankend ab. Denn er beabsichtigte Ariolasoft gegen Rushware auszuspielen. Durch die folgenden Gegenangebote, trieb er den Preis letztendlich auf das 25-fache von Rolfs geplanter Summe hoch. Umgekehrt halfen Bettina und Rolf bei den folgenden Gesprächen mit Brösel, rund um das geplante Werner Spiel. Dank den Finanzspritzen dieser beiden Rushware und Ariolasoft Spielprojekte, gründete Thomas am 1. Dezember 1985 die micro-parnter GmbH für Anwendersoftware und deren Spiellabel Magic Bytes. Denn sein 1983er Fantasiename Rainbow Arts gefiel Thomas da längst nicht mehr.
Während Werner: Mach hin!, durch Ariolasofts verfrühte Werbekampagne zu einem kleinen Desaster avancierte, das sich lediglich per Cheat durchspielen ließ, wuchs Mission Elevator sogar zu einem internationalen Verkaufsschlager heran. Happy Computer bescheinigte der Spionage-Action 86 von 100 Punkten. Eine sehr gute Wertung! Derartige Zeitschriftenbewertungen entschieden zu der Zeit maßgeblich über Verkäufe. So gedieh Mission Elevator nicht nur in elf europäischen Ländern zu einem Kassenschlager, sondern dank Epyx Computer Software und Firebird ebenso in den USA, Australien und sogar Kuwait. Für einen 20-jährigen Studenten, der gerade seinen Doktor in angewandter Mathematik machte, ein unglaublicher Finanzschub. Selbstverständlich blieben Portierungen Mission Elevator s auf Systeme wie den C64, PC, Amiga oder Atari ST dadurch nicht aus. Aufgaben für die Magic Bytes zusätzliche Entwickler wie Gisbert Siegmund, Holger Ahrens oder Volker Marohn einstellte.