Friedhofsgeschichte: Stormgate – Frost Giant Studios Starcraft 3

by Pandur
Dreigeteiltes Bild mit den Anführern der Celestials, Infernals und Vanguard

Auf der Gegenseite spornte selbige Kritik ebenso einige RTS Fans an zu helfen. Den professionellen Videoproduzenten Chris Culp riss das neue Echtzeitstrategiespiel nach zahllosen Dürre-Jahren dermaßen mit, dass er Frost Giant seine kostenlose Hilfe anbot und für die folgende Gamescom ein Demo-Video der Infernals Fraktion anfertigte.

Auf den ersten Blick ähnelte diese dämonische Fraktion am Ehesten StarCraft’s Zerg. Denn ihre Arbeiter verschmolzen genauso mit den errichteten Gebäuden und was immer sie konstruierten, überzog das umgebenen Gelände mit Shroud. Eigene auf Shroud befindliche Einheiten erhielten einen Schild, zusätzlich zu ihrer Trefferpunkteleiste. Außerdem generierte jeglicher Tod, sei es von Feinden oder eigenen Reihen, Animus für den Spieler. Animus spiegelte die Essenz sämtlichen Lebens wieder. Geschichtlich kamen die Infernals deshalb zur Erde. Sie saugten es Flora und Fauna aus. Spielerisch beschwor der Spieler mit ausreichend Animus die mächtigste Kreatur, einen Flayed Dragon, oder reduzierte die Beschwörungszeit seiner Einheiten-Armada auf null. Von diesem explosivem Wachstum lebte die Infernal Host Fraktion. Ihre Einheiten infizierten Feinde und ließen so bei deren Tod kleine Fiends entstehen. Diese kleinsten Nahkämpfer, aber auch andere Einheiten, konnte der Spieler nach Belieben zur Heilung fortgeschrittener Einheiten opfern. Der Brute getaufte Frontkämpfer der Infernal Hosts ließ sich bei niedriger Trefferpunktezahl ebenso zu zwei vollwertigen Fiends aufteilen. Allgemein schlossen diese Fiends gewissermaßen den Kreis zu den Zergs. Denn sie dominierten ähnlich deren Zerglings durch Masse.

Abseits der Stimmungslage förderte die Stormgate Enthüllung zwei unvorhergesehene Komplikationen zu Tage: die Begierde von rund 100.000 Spielern nach Beta-Test-Zugängen und eine zusätzliche physikalische Komponente. Dem Free-2-Play Modell verschuldet, sollte Stormgate’s Einzelspieler-Kampagne als kostenpflichtiges, digitales Addon über Steam erscheinen, quasi wie es Nova Special Ops zuvor tat. Nur bombardierten Fans Frost Giant mit Bitten, nach einer echten physikalischen Verpackung für ihre heimischen Regale. Ganz zu schweigen von garantierten Zugängen zum anstehenden Beta-Test. Hunderttausend Beta-Anmeldungen infolge der Ankündigung, waren eine großartige Metrik gegenüber Investoren. Aber auf der anderen Seite erforderten diese Online-Matches haufenweise Server in einem Data-Center.

Die beiden Tims gründeten in der Vergangenheit bereits eigene Studios wie Savage Entertainment, Supervillain Studios oder FireForge Inc. Aber der Großteil der Frost Giant Belegschaft arbeitete seit zehn oder zwanzig Jahren bei Blizzard Entertainment. Einem der wohlhabendsten Publisher der Welt, bei dem es Mitarbeitern an nichts fehlte. Bedurfte ein neues Projekt einer Homepage, riefen sie das Website Department an und erhielten direkt die perfekte Seite. Brauchten sie Zugänge für einen anstehenden öffentlichen Test, wandten sie sich ans battle.net Team. Die stellten dann neben den Keys auch Anleitungen bereit und überwachten Wiederverkäufe der Zugänge. Quasi das ultimative Full-Service-Package. Innerhalb der Frost Giant Reihen fehlten diese Support-Teams komplett. Stattdessen erledigte jeder einzelne Mitarbeiter sechs oder sieben Jobs. Das galt um so mehr für die Gestaltung der Kickstarter-Kampagne. Bei dieser fertigte Chris beispielsweise das Kickstarter-Video an, obwohl er eher einen Praktikanten-Status inne hielt. Abseits der bekannten vier Grundpfeiler des Spiels (Kampagne, Co-Op, Competetive und Editor) versprach Tim Campbell in diesem Video erstmalig das Year Zero Kapitel der Kampagne für den Early Access Start. Sowie mächtige Helden, welche die Fähigkeiten der Armeen im Mehrspieler beeinflussten. Bis zu drei dieser Helden sowie die drei Kampagnen-Kapitel, konnten sich Backer mit den unterschiedlichen Gründerpaketen sichern. In 25$, 40$ und 60$ Schritten gab es stets einen Helden mehr, sowie unterschiedliche Stadien von Beta-Test-Zugängen. Das alles toppte die Collector’s Edition Box. Sie enthielt, neben dem höchsten Founders Pack, ebenso die Statue eines Vanguard Vulcan Mechs, drei Ansteck-Pins, eine Münze und den Soundtrack des Spiels.

Durch Finanzierungskampagnen für Spiele wie Mansion Lord, RAW, Yogventures!, Riding High oder Star Citizen fiel Kickstarter zu der Zeit längst in die Ungunst der Computerspielgemeinde. Zu viele dieser Projekte wurden nach der Finanzierung eingestellt oder schlicht um Jahrzehnte verschoben. Dennoch erreichte Stormgate sein 100.000$ Ziel in weniger als einer Viertelstunde! Mit 2.380.701$ schoss es sogar weit darüber hinaus! Durchschnittlich spendete jeder Kickstarter-Backer 85$ fürs Spiel. Was deutlich über dem Standardpreis eines PC-Spiels lag.

Trotz der mittlerweile eingeheimsten 37 Millionen US Dollar, suchte Tim parallel bereits seit mehreren Monaten vergeblich nach zusätzlichen Finanzspritzen. Abseits von Frost Giant Studios selbst definierten, unereichbaren Zielen, wie die Einzelspieler-Kampagne ebenfalls kooperativ zu dritt spielen zu können, forderten Fans ebenso ständig neue Features. So resultierte ein Interview vom professionellen StarCraft Spieler Harstem mit Stormgates leitendem User-Experience Designer Ryan Schutter z.B. in der Community Forderung nach animierten Einheiten-Portraits. Ein richtig kontroverses Thema innerhalb der kleinen Studios. Denn die Produktion dieser, inklusive Lokalisierung und Synchronisierung gestaltete sich aufwendiger als die Entwicklung der eigentlichen Einheiten! Allein für diese, mehr oder weniger kosmetische Änderung, mussten die Tims mehrere zusätzliche Mitarbeiter anheuern. Durch die so stetig wachsende Feature-Liste, spitzte sich Stormgate langsam aber sicher zu einem 70 Millionen Dollar Projekt zu. Ging man vom Qualitätsstandard Blizzards aus, sogar eher einem 100 Millionen Dollar Spiel.

Nur endete die Covid-Pandemie da längst und die Otakus der Nationen kehrten in die Realität zurück. Dieser Schritt resultierte im gewaltigsten Fall, den die Computerspielindustrie je erlebte. Ein Absturz, der Jahre lang anhalten sollte und im Sommer 2023 quasi erst auf den Rand der Klippe zusteuerte. Zahllose Anleger zogen sich zu dem Zeitpunkt aus der Industrie zurück. So sprangen Saudi-Arabische Investoren z.B. in letzter Sekunde von einem geplanten Deal mit der Embracer Group ab. Der schwedische Konzern entließ daraufhin 1.800 Mitarbeiter und schloss infolgedesse bis Sommer 2024 gut 40 Studios. Das berühmteste Opfer darunter hieß Volition Games. Ein kurz zuvor 30 Jahre alt gewordenes Studio. Der Chinesische Video Game Gigant Tencent Interactive Entertainment schloss sich dem „Trend“ an. Er strich die Finanzierung sämtlicher westlicher Studios. Eine Liste, welche von Team Kaiju bis Rebellion Developments reichte. Take Two machte ihr Indie-Label Private Division dicht und damit selbstverständlich angeschlossene Studios wie Roll7 oder Intercept Games. Selbst Microsoft, die 2021 erst 7,5 Milliarden Dollar in Bethesda pumpten, schlossen plötzlich deren Niederlassungen. Arkane’s Dishonored Studio fiel genauso darunter, wie Alpha Dog und Roundhouse Games. Tango Gameworks überlebte lediglich, weil Publisher Krafton zumindest die Hälfte des Studios rettete. Risikokapitalanleger spürten den Sturz ebenso und zogen sich um so schneller aus dem Computerspielsektor zurück. Budgets für unabhängige Studios wie Frost Giant sanken von einem Monat auf den anderen auf 2.000.000$ bis 5.000.000$. Für komplette Spiele versteht sich und das bei einer garantierten Verdreifachung der Investition. Für das ohnehin statistisch gesehen wenig profitable RTS Genre, bedeutete es das Ende der klassischen Finanzierung.

Stormgate musste zwangsläufig stärker ins Auge der Öffentlichkeit rücken! Das beste Maß fürs Interesse der Spieler und somit ebenfalls die Gewinnung neuer Investoren, boten Wishlists. Diese Wunschlisten füllten sich idealerweise durch Präsentationen auf Events wie den Game Awards. Nur kostete ein Auftritt in diesen aufwendigen jährlichen Showcases je nach Platzierung massenweise Kohle. Auftritte, von denen sich die Frost Giant Studios lediglich einen leisten konnten. Die eher kostengünstigste und für die meisten unabhängigen Studios einzige Alternative, bot das Steam NextFest. Ein einwöchiges Event, von der führenden PC-Vertriebsplattform Steam, das drei mal pro Jahr ablief und in den ersten 48 Stunden sämtliche Spiele vorstellte. Der einzige Haken des NextFests lag in der einmaligen Teilnahme. Kein Spiel durfte sich doppelt anmelden und im Falle von Stormgate, kämpften sie obendrein gegen über 1.100 Mitbewerber. Dennoch bestand darin Frost Giants beste Chance. Genau deshalb legten die Tims, ihre Kickstarter Beta in den NextFest Zeitraum. Denn so generierten sie ein gesteigertes Interesse an ihrer Spieldemonstration. Tatsächlich kam dieser Mehrspieler-Test Anfang Februar 2024 gut an. Dank der 1v1 sowie 3-Spieler Co-Op Partien mit Vanguard sowie Infernal Host Fraktion, stieg Stormgate zum meist gespielten RTS des Events auf!

Das erschien auf den ersten Blick bombastisch. Jedoch verblasste das Statement, wenn man die lediglich drei oder vier Echtzeitstrategiespielkonkurrenten betrachtete (Homeworld 3, Global Conflagration und Oddsparks). Insgesamt dominierten komplett andere Genres bedeutend stärker. Titel wie das Roguelike-Pokerspiel Balatro oder das Survival Abenteuer Pacific Drive. Wodurch Stormgate, mit ihrer mehr oder weniger einzigen großen Chance, lediglich Platz 39 der „Most Wishlisted Games of Steam“ erklomm. Ein Wert der grob geschätzt ca. 1.000.0000 potentiellen Käufern entsprach und somit ein Fünftel von dem war, was neue Investoren hervorgelockt hätte.

Was machten beinahe insolvente Konzerne immer, wenn sie kein regulärer Investor mehr unterstützte? Richtig, sie wälzten ihre Schulden auf den kleinen Anleger ab. Oder anders ausgedrückt, sie gingen an die Börse. Zwar reichte Frost Giants Firmengröße bei weitem nicht für diesen Schritt. Doch demonstrierte Chris Roberts mit Star Citzen bereits, wie spektakulär das Prinzip funktionierte. Denn Star Citzens zahllose Crowdfunding Aufrufe summierten sich zwischenzeitlich zu beinahe 1.000.000.000 US Dollar. Das höchste Budget, was ein Computerspiel jemals erhielt. Weshalb Tim Morten im folgenden April per StartEngine Privatanlegern Firmenanteile offerierte. Bedauerlicherweise verlief diese Crowdfunding Kampagne nicht ansatzweise so gut wie Chris Roberts Aufrufe. Frost Giant gewann dadurch nur knapp 1,2 Millionen Dollar hinzu.

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